Anthropic hat am 28. September Claude Sonnet 5.5 veröffentlicht, sechs Tage nach Opus 5.5. Der Preis bleibt auf dem Stand von Sonnet 5, in den meisten veröffentlichten Tests liegt das neue Modell aber nahe an Opus 5.5, das doppelt so viel kostet. Für Unternehmen, die KI in ihren Abläufen einsetzen, stellt sich damit die Frage neu, welches Modell für welchen Arbeitsschritt das richtige ist.
Auf einen Blick
- Preis: 2 $ (Input) / 10 $ (Output) je Million Token – unverändert gegenüber Sonnet 5, halb so viel wie bei Opus 5.5
- Cache-Lesezugriffe: 0,20 $ je Million Token – genauso viel wie bei Opus 5.5
- Tempo: laut Anthropic über 30 % schnellere Ausgabe als Sonnet 5
- Kosten je Aufgabe: in Anthropics Tests bis zu 30 % unter Sonnet 5, weil weniger Token anfallen
- Kontext: 1 Mio. Token, bis 128.000 Token Ausgabe je Antwort
- Modell-ID:
claude-sonnet-5-5 - Verfügbar: Claude-API und claude.ai, AWS, Google Cloud, Microsoft Foundry
- Laufzeit: Abschaltung auf der Claude-API nicht vor dem 28. September 2027
Wie weit Sonnet 5.5 an Opus 5.5 heranreicht
Anthropic stellt Sonnet 5.5 als schnellere und günstigere Ergänzung zu Opus 5.5 vor, nicht als Ersatz. Die veröffentlichten Werte zeigen aber, wie klein der Abstand geworden ist.
| Kennzahl | Sonnet 5.5 | Opus 5.5 |
|---|---|---|
| Listenpreis je Mio. Token (Input / Output) | 2 $ / 10 $ | 4 $ / 20 $ |
| Terminal-Bench 4.0 | 70,6 % | 66,4 % |
| FrontierCode 1.1 (Main) | 46,2 % | 54,4 % |
| GDPval-AA v2.1 | 1844 Elo | 1846 Elo |
| OSWorld 2.1 (Teilpunktwertung) | 80,1 % | 81,8 % |
Beim Test Terminal-Bench, der selbstständiges Arbeiten auf der Kommandozeile prüft, liegt Sonnet 5.5 sogar vorn. Bei GDPval-AA, einem Vergleich anhand von Aufgaben aus der Wissensarbeit verschiedener Berufe, liegen beide gleichauf. Den größten Abstand zeigt der Programmiertest FrontierCode, bei dem Opus 5.5 gut acht Prozentpunkte vorn liegt. Das passt zu Anthropics eigener Abgrenzung: Bei langen, offenen Aufgaben, in denen das Modell über viele Schritte selbst abwägen muss, sieht der Hersteller weiterhin Opus 5.5 im Vorteil.
Gegenüber dem Vorgänger fällt der Sprung deutlich größer aus. Bei GDPval-AA steigt der Wert von 1449 auf 1844 Elo, bei OSWorld 2.1, einem Test zur Bedienung von Software am Bildschirm, von 57,0 auf 80,1 Prozent. Einschränkend gilt: Alle Werte stammen aus Anthropics Veröffentlichung, GDPval-AA hat Artificial Analysis an einer Vorabversion ermittelt, und die Effort-Stufen unterscheiden sich teils – den Terminal-Bench-Wert von Opus 5.5 etwa hat Anthropic auf der Stufe xhigh gemessen. Unabhängige Vergleiche stehen noch aus.
Neben den Benchmarks hebt Anthropic die Textqualität hervor: Sonnet 5.5 formuliere klarer als die Vorgängergeneration. Als Beispiel führt der Hersteller einen internen Versuch an, bei dem das Modell aus Quartalszahlen und Mitschriften der Analystenkonferenz eines börsennotierten Unternehmens sowie einer Folienvorlage zehn Folien für einen operativen Quartalsüberblick erstellte; zwei Fachleute hielten schon den ersten Entwurf für versandfertig. Das bleibt eine Herstellerangabe. Für Berichte, Angebote und Präsentationen ist sie aber aussagekräftiger als die Programmiertests.
Wo der halbe Preis ankommt – und wo nicht
Der Listenpreis von Sonnet 5.5 liegt bei genau der Hälfte von Opus 5.5. Wie viel davon im laufenden Betrieb ankommt, hängt davon ab, wie ein Anwendungsfall seine Token verbraucht.
Voll wirkt der Unterschied bei neuen Eingaben und bei der Ausgabe. Beim Cache entfällt er dagegen: Lesezugriffe auf zwischengespeicherten Kontext kosten bei beiden Modellen 0,20 $ je Million Token. Bei Opus 5.5 hatte Anthropic genau diesen Posten deutlich gesenkt, bei Sonnet 5.5 bleibt er auf dem bisherigen Stand. Je größer der Anteil zwischengespeicherter Eingaben, desto kleiner fällt der Preisvorteil von Sonnet aus.
Ein vereinfachtes Rechenbeispiel mit Listenpreisen: Ein Agent liest bei jedem Durchlauf 100.000 Token an Anweisungen, Preislisten und Handbüchern aus dem Cache, verarbeitet 5.000 Token neue Eingaben und erzeugt 3.000 Token Ausgabe, seine Denkschritte eingerechnet. Mit Opus 5.5 kostet ein Durchlauf damit 0,10 $ (0,02 $ Cache, 0,02 $ Eingabe, 0,06 $ Ausgabe), mit Sonnet 5.5 0,06 $ (0,02 $, 0,01 $, 0,03 $). Die Ersparnis liegt bei 40 statt 50 Prozent – und das nur, wenn beide Modelle für die Aufgabe gleich viele Token brauchen. Ob das zutrifft, zeigt erst ein Test mit dem eigenen Anwendungsfall.
Gegenüber Sonnet 5 kommt die Ersparnis über den Verbrauch, nicht über den Preis: Laut Anthropic erledigt Sonnet 5.5 dieselbe Arbeit meist mit deutlich weniger Token und kostet in den eigenen Tests je Aufgabe bis zu 30 Prozent weniger.
Was sich beim Wechsel ändert
Bei bestehenden Integrationen reicht es nicht, die Modellkennung auszutauschen. Fünf Änderungen führen zu Fehlermeldungen oder zu anders aufgebauten Antworten:
- Denken lässt sich nicht mehr abschalten. Anfragen mit
thinking: {type: "disabled"}scheitern. Die niedrigste Stufe heißt jetztbetween_tools: Das Modell denkt nicht mehr vorab nach und schreibt nur noch kurze Notizen zwischen zwei Werkzeugaufrufen. Zulässig ist sie bis zur Effort-Stufehigh. - Erzwungene Werkzeugaufrufe entfallen.
tool_choicemitanyodertoolwird abgelehnt. Stattdessen bleibt es beiauto, ergänzt umstrict: truefür schemagerechte Eingaben und eine klare Anweisung im Prompt, wann das Werkzeug zu nutzen ist. Ging es nur um ein festes Antwortformat, sind strukturierte Ausgaben der direktere Weg. - Gesprächsverläufe nur noch fortschreiben. Denkblöcke von Sonnet 5.5 sind an Modell, Gespräch und Konto gebunden. Bei Konten, die ab dem 31. August 2026 angelegt wurden, prüft die Schnittstelle das streng: Wurde vor einem mitgeschickten Denkblock etwas geändert – die Systemanweisung, die Werkzeugliste oder eine frühere Nachricht –, scheitert die Anfrage auf der Claude-API, bei Amazon Bedrock und bei Google Cloud. Wechselt ein Gespräch auf ein anderes Modell, läuft es ohne die bisherigen Denkschritte weiter; Denkblöcke aus einem fremden Konto verwirft die Schnittstelle ohne Fehlermeldung.
- Effort neu einstellen. Die Stufen sind neu kalibriert, eine für Sonnet 5 gefundene Einstellung lässt sich nicht übernehmen. Als Ausgangspunkt nennt Anthropic
high, für gut beschriebene Agentenaufgabenmediumund für Chat und andere zeitkritische Anwendungenmediumoderlow. - Zwischenmeldungen kommen anders zurück. Längere Texte zwischen Werkzeugaufrufen liefert das Modell jetzt in Denkblöcken, die in der Standardeinstellung leer sind. Eine Oberfläche, die solche Zwischenstände anzeigt, bleibt dann stumm, bis der Parameter
displaygesetzt ist.
Wer Computer Use über das ältere Werkzeug computer_20251124 oder das Advisor-Werkzeug einsetzt, findet im Migrationsleitfaden von Anthropic zwei weitere Änderungen.
Verschärft hat Anthropic auch die Schutzfilter. Weil Sonnet 5.5 in der IT-Sicherheit laut Hersteller an Opus 5 heranreicht, ist es das erste Sonnet-Modell mit Cyber-Schutzmechanismen, wie sie bisher den leistungsstärksten Modellen vorbehalten waren. Für die übliche Fehlersuche im eigenen Code ändert das nichts. Sicherheitsaufgaben mit höherem Risiko lehnt Sonnet 5.5 dagegen ab und reicht sie erkennbar an Sonnet 5 weiter – über die Schnittstelle als Option, die Entwickler selbst einrichten.
Was das für den Mittelstand am Niederrhein bedeutet
Für Unternehmen, die KI in Automatisierungen einsetzen, verschiebt Sonnet 5.5 die Standardwahl. Viele Arbeitsschritte haben einen eindeutigen Auftrag: eine Kundenanfrage einordnen und beantworten, aus Stammdaten ein Angebot vorbereiten, einen Monatsbericht aus mehreren Quellen zusammenstellen. Die Wahl zwischen Sonnet und Opus war für solche Schritte bisher oft eine Abwägung zwischen Ergebnisqualität und laufenden Kosten. Nach den veröffentlichten Werten trennen beide Modelle bei solcher Wissensarbeit nur noch wenige Punkte, beim Listenpreis aber weiterhin der Faktor zwei. Opus 5.5 bleibt die Wahl für lange, offene Aufgaben mit vielen Zwischenschritten. Für einfache Aufgaben in großer Stückzahl hat Anthropic mit Haiku 5.5 ein eigenes Modell für die kommenden Wochen angekündigt.
Das höhere Tempo zählt vor allem dort, wo jemand auf die Antwort wartet – im Chat auf der Website oder bei der Suche in internen Unterlagen. Bei Hintergrundläufen über Nacht spielt es kaum eine Rolle.
Wer Sonnet 5 bereits einsetzt, muss nicht sofort handeln: Das Modell bleibt verfügbar, und der Wechsel geschieht nicht von selbst. Sinnvoll ist ein geplanter Umstieg mit Testlauf. Spielen Sie 20 bis 30 echte Vorgänge aus Ihrem Prozess mit altem und neuem Modell durch, vergleichen Sie die Ergebnisse und messen Sie die Kosten je erledigtem Vorgang statt je Token. Erst dann zeigt sich, ob die angekündigte Ersparnis im eigenen Anwendungsfall ankommt. Für neue Vorhaben zählt außerdem die zugesagte Laufzeit: Wer jetzt auf Sonnet 5.5 aufbaut, muss auf der Claude-API frühestens im September 2027 mit einem erzwungenen Modellwechsel rechnen.
Quellen
- Anthropic: Introducing Claude Sonnet 5.5 (28.09.2026)
- Anthropic Docs: What's new in Claude Sonnet 5.5 (28.09.2026)
- Anthropic Docs: Migrating to Claude Sonnet 5.5 (28.09.2026)
Zusammenfassung und Einordnung durch die AI First Redaktion auf Basis der genannten Quellen.